Geschirr aus Britanniametall verschiedener Lüdenscheider Hersteller

Firmen Basse & Fischer / Gerhardi / Eduard Hueck

Schon früh arbeiten Lüdenscheider Firmen mit Legierungen, um Metallverbindungen zu schaffen, die wie Silber aussehen und kein giftiges Blei enthalten. Schließlich setzt sich das sogenannte Britanniametall aus Zinn, Antimon und Kupfer durch. Ab den 1870er Jahren steigt die Produktion massiv an, und Lüdenscheid wird zum führenden Zentrum der Britanniawarenherstellung in Deutschland. In Massenfertigung entstehen Gebrauchsgegenstände für den Haushalt, häufig nach französischem und englischem Vorbild.

Silber für alle – die Suche nach dem „weißen Metall"

Wer im 19. Jahrhundert durch die Speisezimmer und Küchen des aufstrebenden Bürgertums blickte, sah ein klares Ideal: Silber. Silberne Kannen, silberne Teller, silberne Löffel – sie vermittelten Wohlstand, Stand und guten Geschmack. Doch echtes Silber war teuer, und die breite Bevölkerung konnte sich solche Prunkstücke kaum leisten. Schon früh begannen deshalb Lüdenscheider Firmen, mit Legierungen zu experimentieren, um Metallverbindungen zu schaffen, die wie Silber aussahen – aber deutlich billiger in der Herstellung waren. Damit standen sie ganz im Trend ihrer Zeit: Auch in England, dem Mutterland der Industrialisierung, suchte man nach einem „weißen Metall" für die Massen.

Ein besonderer Antrieb kam dabei aus einem ganz praktischen Problem: das giftige Blei. Traditionelles Zinngeschirr, wie es seit dem Mittelalter auf den Tischen stand, war häufig mit Blei legiert. Das machte das weiche Zinn zwar fester und besser gießbar – doch gefährdete die Gesundheit der Nutzerinnen und Nutzer. Gegen Pflanzensäuren wie Essig gab bleihaltiges Zinn Schadstoffe ab. Ein moderner, bleifreier Werkstoff war also nicht nur eine Frage des Geschmacks, sondern der Verantwortung.

Was ist Britanniametall?

Schließlich setzte sich eine Legierung durch, die den klingenden Namen „Britanniametall" trug – benannt nach der Insel Britannien, von wo die ersten solcher Waren nach Deutschland kamen. Britanniametall ist eine sogenannte Hartzinn-Legierung: Im Kern besteht es aus Zinn, dem Antimon und Kupfer beigemischt sind. Üblich waren Mischungen mit etwa 90 bis 93 Prozent Zinn, 5 bis 6 Prozent Antimon und rund 2 Prozent Kupfer. Das Antimon macht das weiche Zinn deutlich härter und spröder, sodass sich die Oberflächen mechanisch bearbeiten und zu spiegelndem Glanz polieren lassen. Kupfer verleiht der Legierung zusätzliche Festigkeit. Das Ergebnis: ein silberweißes, ins Bläuliche neigendes Metall, das kräftig glänzt, kaum anläuft und gegen Säuren ähnlich unempfindlich ist wie reines Zinn. Für Ess-, Trink- und Kochgeschirr war es damit hygienisch bedenkenlos – dem edlen Zinn mindestens gleichwertig, dem bleihaltigen Geschirr überlegen.

Die Verarbeitung erforderte Geschick. Zunächst wurde das hochschmelzende Kupfer mit dem Antimon und einem Teil des Zinns aufgeschmolzen; diese Vorschmelze wurde anschließend mit dem übrigen Zinn vereinigt. Gossen die Arbeiter die zähflüssige Masse in Messingformen, entstand aus dem grauweißen Rohguss erst durch mühevolles Schleifen und Polieren jener silberne Glanz, der die Ware so begehrt machte.

Der Durchbruch nach englischem Vorbild

Die Technik selbst war aus England importiert: In Birmingham und Sheffield wurde Britanniametall seit dem späten 18. Jahrhundert in riesigen Mengen zu Geschirr und Tafelschmuck verarbeitet. Auf dem europäischen Festland waren es vor allem zwei Orte, in denen sich diese neue Industrie festsetzte – Elberfeld im Bergischen und eben Lüdenscheid. Hier traf die Innovation auf beste Voraussetzungen: Lüdenscheid blickte auf eine lange Tradition der Metallverarbeitung zurück, die bis ins Mittelalter reiche Drahthandels- und Kleineisenzeit reichte. Gießereien, Drahtziehereien, Knopfmacher und Werkzeugfabriken prägten das Gewerbe der Stadt. In diesem Umfeld fand die neue Legierung ausgebildete Hände, vorhandene Werkstätten und Handelserfahrung vor.

Eine Schlüsselrolle spielte die 1814 gegründete Gießerei Gebrüder Noelle. Sie wurde neben Zinn- und anderen Gusswaren bis etwa 1900 zur wichtigsten Lüdenscheider Herstellerin von Britanniawaren. Doch sie blieb nicht allein: Im Laufe des Jahrhunderts bauten zahlreiche weitere Lüdenscheider Metallwarenfabriken die Produktion aus. Oft stammten die Fabrikantenfamilien – wie die Noelles – aus dem Umland und waren über Heirat und Geschäfte eng miteinander verbunden. So wuchs ein ganzes Produktionsnetz heran.

Massenware für den Haushalt

Ab den 1870er Jahren stieg die Produktion massiv an. Lüdenscheid entwickelte sich in dieser Zeit zum führenden Zentrum der Britanniawarenherstellung in Deutschland. Was einst handwerklich gegossen und einzeln poliert worden war, wurde nun industriell organisiert: In Massenfertigung entstanden Bestecke, Teller, Kaffeekannen, Teegeschirre, Zuckerdosen, Leuchter und Tafelaufsätze – Gebrauchsgegenstände für den Haushalt des kleinen und mittleren Bürgertums. Häufig arbeiteten die Lüdenscheider Fabriken dabei nach französischem und englischem Vorbild: Die Formen und Zierelemente der Modelle orientierten sich an den großen Silber- und Tafelsilbertraditionen Londons und Paris'. Barockes Rankwerk, klassische Profile, zarte Gravuren – wer eine Kaffeekanne aus Britanniametall auf den Tisch stellte, brachte den Eleganz großer Vorbilder ins eigene Wohnzimmer, ohne deren Preis zu zahlen.

Die Palette der Firmen war breit: Nebeneinander wurden verschiedene Legierungen vertrieben – vom geschmacksvollen Britanniametall über das verwandte Neusilber bis zu galvanisch versilberten Waren. Gerade das elektrolytische Versilbern eröffnete neue Absatzchancen, denn so konnte das silberweiße Metall zusätzlich mit einer echten Silberschicht überzogen werden. Auch dieser Zweig der Metallverarbeitung mit elektrischen Verfahren knüpfte an die Innovationskraft des Standortes Lüdenscheid an.

Recht, Markt und der lange Atem einer Technik

Dass das bleifreie Geschirr zum Standard wurde, dafür sorgte auch der Gesetzgeber: Das Reichsgesetz vom 25. Juni 1887 über den Verkehr mit blei- und zinkhaltigen Gegenständen schrieb vor, dass Britanniametall für Ess-, Trink- und Kochgeschirr nur noch begrenzte Bleimengen enthalten durfte. Was in Lüdenscheid längst Praxis war, wurde damit reichsweit verbindlich – und stärkte diejenigen Hersteller, die von vornherein auf bleifreie Rezepturen gesetzt hatten.

Um 1900 erreichte die Branche ihren Höhepunkt – und stieß zugleich an ihre Grenzen. Die starken Preisschwankungen der Rohstoffe Zinn, Antimon und Kupfer bereiteten manchen Firmen ernste Schwierigkeiten; so trugen sie zum Niedergang etwa des Hauses Gebrüder Noelle bei. Hinzu kam die Konkurrenz neuer Werkstoffe: Das versilberte Neusilber und schließlich das aufkommende vernickelte oder verchromte Metallwarenbild des 20. Jahrhunderts verdrängten das klassische Britanniametall zunehmend vom Esstisch.

Doch die Erfindung war keineswegs am Ende: Britanniametall blieb als Werkstoff für Knöpfe, Ziergegenstände, Lagermetalle und Gussteile in Gebrauch. Sogar der berühmteste Filmpreis der Welt, der „Oscar", wurde jahrzehntelang aus Britanniametall gefertigt – ein bemerkenswerter Weg vom bescheidenen Haushaltsgeschirr ins Zentrum von Hollywood.

Blick auf die Sammlung

Die Britanniawaren verschiedener Lüdenscheider Firmen zählen heute zu den eindrücklichsten Zeugnissen der lokalen Industrie- und Konsumgeschichte. Sie erzählen von einer Stadt, die aus der Not fehlender Rohstoffe und dem Erfindergeist ihrer Kaufleute und Handwerker eine ganze Branche formte. Jede polierte Kanne, jeder gravierte Teller steht für die Lüdenscheider Fähigkeit, Welttechnik aufzugreifen, zu verbessern und in Serie zu bringen. Genau diese Innovationsgeschichte – vom Drahthandel über die Knopfstadt bis zur modernen Industrie – prägt bis heute das Gesicht Lüdenscheids.

Objekttyp Geschirr
Maße 22 cm
Material / Technik Britanniametall
Datierung um 1900
Herkunftsort Lüdenscheid
Weblinks